Stell dir vor, du bist in einer sozialen Situation – vielleicht im Beruf oder bei einem Treffen mit Bekannten. Du unterhältst dich, lächelst im richtigen Moment und wirkst auf alle Anwesenden souverän und entspannt. Irgendwann kommt das Gespräch auf das Thema Neurodivergenz, und du erwähnst, dass du autistisch bist und ADHS hast (AuDHS).
Die Reaktion deines Gegenübers kommt prompt, oft begleitet von einem bewundernden Lächeln: „Was, echt? Das hätte ich nie gedacht. Man merkt dir gar nichts an, du machst das doch toll!“ Und nicht selten folgt direkt der Nachsatz: „Ich kenne da jemanden, der oder die hat es aber viel schlimmer als du. Da sieht man das richtig.“
Was für mein Gegenüber wie eine Anerkennung oder eine Einordnung klingt, ist für mich die Bestätigung einer lebenslangen, erschöpfenden Arbeit.
Das Training vor dem Spiegel
Hinter dem Satz „Man sieht es dir nicht an“ verbirgt sich eine Geschichte, die viele Jahre vor diesem Gespräch begann. Da ich spät diagnostiziert wurde, wuchs ich ohne das Wissen auf, warum ich mich oft „anders“ fühlte als mein Umfeld. In dieser Zeit war das „Funktionieren“ keine Wahl, sondern eine pure Notwendigkeit, um dazuzugehören.
Ich habe als Kind und Jugendliche stundenlang vor dem Spiegel gestanden und Grimassen geschnitten. Ich habe verschiedene Gesichtsausdrücke regelrecht auswendig gelernt – wie sieht ein freundliches Lächeln aus? Wie sieht aufmerksam zuhören aus? Wie reagiere ich so, dass mein Gegenüber sich wohlfühlt und ich nicht auffalle?
Heute, im Kontakt mit anderen, spüre ich fast physisch, wie ich schaue. Ich weiß genau, welche Muskeln ich in meinem Gesicht gerade bewegen muss, weil ich es vorher wie eine Choreografie trainiert habe. Wenn ich heute „natürlich“ wirke, ist das das Ergebnis von Jahrzehnten ohne Diagnose, in denen ich meine Tarnung perfektionieren musste.
Das unsichtbare Chaos: Wenn Autismus auf ADHS trifft
Beim ADHS fallen oft ganz ähnliche Sätze. „Du bist doch so strukturiert“, sagen sie, wenn ich pünktlich erscheine oder meine Aufgaben erledige. Was niemand sieht, ist das, was in mir abgeht:
- Das autistische Bedürfnis nach Ordnung kämpft ständig gegen das ADHS-Chaos an.
- Während ich nach außen ruhig wirke, rasen meine Gedanken mit Lichtgeschwindigkeit.
- Ich hasse Blickkontakt. Er fühlt sich für mich unnatürlich und wie ein Eindringen in meine Privatsphäre an, weshalb ich ihn nie lange halten kann. Also manage ich ihn künstlich: Ich zwinge mich dazu, immer wieder kurz hinzusehen und dann im richtigen Moment wieder wegzuschauen, damit ich nicht unhöflich wirke. Dieses ständige Kalkulieren – „Wie lange ist okay? Wann wirkt es seltsam?“ – raubt mir die Konzentration für das eigentliche Gespräch.
Der Moment, in dem die Maske fällt: Spezialinteressen
Doch das ganze mühsame Konstrukt ändert sich schlagartig, sobald wir bei einem Thema landen, das mich wirklich packt. Wenn ich mit Kollegen über pädagogische Dinge rede, bricht mein Spezialinteresse hervor. In solchen Momenten rede ich ohne Punkt und Komma.
Der ADHS-Anteil übernimmt das Redepult, und der autistische Fokus gräbt sich tief in die Materie ein. Dann ist kein Raum mehr für die Choreografie des Blickkontakts oder das Einstudieren von Grimassen. Ich bin dann ganz in meinem Element – fachlich kompetent und leidenschaftlich, aber eben auch „ungefiltert“. Für Außenstehende wirkt das oft wie eine plötzliche Verwandlung, dabei ist es einfach der Moment, in dem die Begeisterung die Maske beiseite schiebt.
Die Falle der unsichtbaren Anstrengung
Wenn Menschen den Vergleich ziehen und sagen, andere hätten es „schlimmer“, verkennen sie den Preis der Anpassung. Maskieren ist kein Talent, auf das ich stolz bin. Es ist eine Strategie, die ich mir aneignen musste, als ich noch keinen Namen für meine Wahrnehmung hatte.
Doch die Kosten für dieses „unsichtbare“ Anderssein sind enorm:
- Während ich kompetent wirke, rast in mir der Stresspegel.
- Jede soziale Interaktion ist eine Höchstleistung aus Analyse und Unterdrückung von Impulsen.
- Die Belohnung für diesen Kraftakt ist oft, dass meine eigentlichen Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, weil ich ja „so normal“ funktioniere.
Authentizität statt Performance
Ich möchte mich nicht mehr dafür rechtfertigen müssen, dass ich „zu gut“ funktioniere, um autistisch zu sein oder ADHS zu haben. Echte Akzeptanz bedeutet für mich heute, dass ich die Maske auch einmal sinken lassen darf. Dass ich nicht mehr spüren muss, wie mein Gesicht eine einstudierte Pose einnimmt, sondern dass ich einfach so sein darf, wie ich bin – auch wenn man mir die Neurodivergenz dann eben doch ansieht.
Eure Erfahrungen
Kennt ihr diesen Umschwung, wenn ihr über eure Spezialinteressen redet? Wie geht ihr damit um, wenn eure Anpassungsleistung als „völlig normal“ abgetan wird, während es in euch drin stürmt?
Ich freue mich auf eure Gedanken in den Kommentaren.

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